Rational? Ich? Ohgottogott…

Immer und immer wieder wird einem eingetrichtert, dass man sachlich bleiben soll, höflich und politisch korrekt; was auch immer man darunter nun verstehen mag. Argumente muss man bringen, den Diskussionskontrahenten mit Tatsachen in die Knie zwingen; ach und hab‘ ich’s schon gesagt: höflich muss man bleiben! Freunde der Nacht, ihr habt schon mitbekommen, auf welche Art die Brexiteers ihre Kampagne zum Erfolg geführt haben, oder? Da war keine argumentative Ausgefeiltheit auszumachen, oder auch nur der ernstgemeinte Versuch, der vollkommen verqueren und überkandidelten Kriegsrhetorik den Anschein von Seriosität geben zu wollen. Ich kann beim besten Willen nicht glauben, dass so viele Briten so dumm sein können, Nigel Farage seine ganzen offenkundigen Lügen zu glauben. Dass er, nachdem er tatsächlich Europa in den Wahnsinn geführt hat zurücktritt – er behauptet ja, er tue das, weil er sein Ziel erreicht habe – um auf keinen Fall die Verantwortung für diesen Mist übernehmen zu müssen, ist der tragikomische Schlusspunkt eines bislang noch nie dagewesenen, politischen Schmierentheaters.

Aber über den Brexit wird schon so viel geschrieben, dass ich mich hier zu keinem weiterführenden Kommentar herablassen werde. Die tatsächlichen Konsequenzen kann ja sowieso noch keiner in ihrer Gänze abschätzen und wilde Spekulationen wurden schon zur Genüge geäußert. Nein, mir soll es heute tatsächlich um die Frage gehen, ob rational, ob sachlich immer der richtige Weg ist, um Menschen in Bewegung zu bringen. Ich selbst habe ja immer wieder auf der Sachebene versucht, zum Beispiel die vollkommen absurden Argumentationsketten der AfD zu entkräften. Ich habe – auch mir selbst – zu beschreiben versucht, warum Menschen diesen ewig gestrigen, rassistischen, antidemokratischen Wirrköpfen Gehör schenken. Ich wollte die Menschen um mich herum davon überzeugen, dass es echte Alternativen zur AfD gibt; tatsächlich wählbare Alternativen.

Dann musste ich mit mildem Entsetzen zur Kenntnis nehmen, dass der Wahlkreis Mannheim-Nord der stärkste AfD-Kreis Baden-Württembergs ist. Und wieder fingen die gewohnten Denkspiralen an. Ja, die Menschen dort sind ins soziale Hintertreffen geraten, oder empfinden dies zumindest so. Das vorgebliche Argument der AfD, dass Zuwanderer uns „unsere“ Sozialleistungen stehlen würden, verfängt hier also auf Grund der immanenten Abstiegsängste und des Gefühls, bei staatlichen Transfer-Leistungen „zu kurz zu kommen“. Und ebenso weiß man, dass die klassischen ehemaligen SPD-Wähler zum konservativen, kleinbürgerlich-traditionellen Milieu gehören. Es mag dem in den Sozialwissenschaften nicht bewanderten zunächst seltsam erscheinen, aber die so genannten Sozialisten und die Rechten sind sich hinsichtlich ihrer wertkonservativen Einstellungen und ihrer Beharrungsfähigkeit gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen sehr ähnlich. Menschen aus den kleinbürgerlichen Milieus haben nun mal traditionell Angst davor, ihren bescheidenen Wohlstand teilen zu müssen, oder ihn gar einzubüßen; unabhängig davon, ob die Angst begründet ist, oder nicht. Und so darf man sich nicht über diesen Schwung nach rechts auch nicht wirklich wundern…

Wenn man sich jedoch politische Debatten aller Art einmal ansieht, so ist es schwer zu fassen, wie sich irgendjemand tatsächlich entblöden kann, beim jeweiligen Gegner nach mehr Sachlichkeit zu verlangen, wenn doch wirklich alle Beteiligten nur Klischees bedienen und immer die gleiche Klientel bauernfängerisch an sich zu binden suchen. „Tu was ich sage, nicht, was ich tue…“. Es geht nicht rational zu in der politischen Landschaft. Auch wenn viele das immer wieder behaupten.

Gut, es gibt einen, der das nie behauptet. Der bajuwarische Problembär ist ja stets bemüht, die Lufthoheit über den Stammtischen zu behalten, bzw. sie von der AfD zurückzuerobern. Er schämt sich dafür nicht – zumindest zeigt er eine solche Regung nie – und schießt seine Salven munter in jede Richtung, wenn er sich davon ein kleines bisschen Machterhalt verspricht. Ich weiß nicht, ob er sich selbst noch ernst nimmt, ich jedenfalls halte ihn mittlerweile für vollkommen untragbar und würde mir wünschen, dass irgendjemand diesen sinnfreien Trachtenverein aus dem Alpenvorland endlich aus der Bundespolitik abserviert. Was hätten wir schon zu verlieren außer Seehofer, Söder, Stoiber, etc…?

So, jetzt haben wir festgestellt, dass so gut wie keiner sauber argumentiert; aber was fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Als Sozialwissenschaftler stelle ich fest: es ist echt Käse, dass keiner sich an die üblichen Standards korrekter, faktenorientierter Argumentation hält. Das führt dazu, dass sich die ganze politische Diskussion nur selten an tatsächlichen Sachverhalten orientiert. Als Mensch verstehe ich allerdings, dass man als Politiker ein Interesse am Erhalt der eigenen Machtposition hat und deshalb nicht beschreibt, was ist, sondern raushaut, was man denkt, wie es sein sollte. Das hat etwas mit Gestaltungswillen zu tun, was ganz grundsätzlich nicht schlimm oder böse ist.

Gestaltungswille bedeutet lediglich, dass man die Machtbasis, welche man sich erarbeitet hat nutzen will, um Dinge zu verändern – oder dies zu verhindern. Das Eine kann gut oder schlecht sein, das Andere aber auch. Es hängt vom Betrachter und den Umständen ab. Für mich persönlich muss ich daher den Schluss ziehen, dass Argumente alleine nicht ziehen und ich deshalb auch die emotionale Ebene meiner Leser/Zuhörer bedienen muss, um sie auf meine Seite ziehen zu können. Denn Gestaltungswillen habe ich auch; ebenso, wie ich überzeugt bin, dass die demokratischen Prinzipien der sozialen Teilhabe und der Transparenz uns weiterbringen, dass viele aber bis heute nicht verstanden haben, was diese Worte nun tatsächlich bedeuten. Wie man dahin kommt, weiß ich noch nicht, aber das macht nichts, ich habe ja noch Zeit. Bis ich es rausgefunden habe, haue ich noch ein paar schöne Polemiken raus. Stets in der Hoffnung, dass ihr Couch-Potatoes mal aufwacht. Ach, und übrigens – ICH BIN WIEDER DA!

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