Bin ich ein Spießer?

Ich weiß gar nicht so recht, ob dieser Begriff – früher mal als Schimpfwort für die Ewiggestrigen verstanden – heute überhaupt noch eine Daseinsberechtigung hat. Wer sich ein bisschen mit Sozialwissenschaft auskennt, dem ist bewusst, dass es die früher gerne propagierten „Klassen“ gar nicht mehr gibt, sondern dass man das jetzt „Sozialmilieu“ nennt und das die Unterscheidung in „besitzend“ und „nicht besitzend“ mit Bezug auf Produktionsmittel im Marx’schen Sinne wohl kein taugliches Unterscheidungsmerkmal mehr ist. Daraus folgt, dass sich die Unterscheidungskriterien für eine soziale Einordnung teilweise verflüchtigt haben. An denen hat man übrigens früher auch die Parteipräferenz ablesen können (wollen). Wenn man bedenkt, dass Mannheim-Nord früher eine rote Hochburg war, ist ein AfD-Direktmandat dort zunächst ein wenig irritierend, oder?

Ist es nicht, denn es gibt ja keine klassische Arbeiterklasse mehr, die SPD wählt. Die gab es übrigens noch nie. Kleinbürgerliche Milieus (das, was man gerne als Spießer beschimpft hat), waren schon immer an Beständigkeit, Besitzstandswahrung und dem Erhalt bestimmter Normen und Werte interessiert. Früher, in Zeiten des Überflusses und der Zollbarrieren bedeutete die SPD für den kleinen Mann diesbezüglich sowas wie eine sichere Bank. Aber die Zeiten ändern sich und speziell die fast schon auferstanden geglaubten Sozen haben nie ein passendes Narrativ für ihre ehemaligen Anhänger gefunden, dass diesen Wandel und was er so mit sich bringen würde in positiven Bezug zur Partei und deren Handeln hätte setzen können. Sie konnten einfach nicht erklären, was da mit der Welt passiert, was das für Deutschland bedeutet und wie sie damit umgehen würden, um es für die Menschen ein wenig leichter zu machen. Denn schwerer wird es für die einfachen Leute in einer globalisierten Welt von ganz alleine.

Spießer, das waren früher diese eher proletarischen Kleinbürger und die Mittelschicht, die sich eher durch den Wirtschaftsliberalismus der CDU (oder auch der FDP) repräsentiert sahen. Heute ist die Welt nicht mehr so einfach. Heute könnte man einen Spießer aber als eher wertkonservativen, an Besitzstandswahrung in Einklang mit ökologischen Gesichtspunkten orientierten und die Zukunft eher ängstlich beobachtenden Menschen beschreiben. Schließlich kann man bei ständigem Konsum der Nachrichten nur zu dem Schluss kommen, dass unser Lebensstil dem Untergang geweiht ist.

Ich sage bewusst Lebensstil, denn wir verwechseln unsere Art zu leben gerne mit Leitkultur. Was bitte schön hat an meiner Art zu leben die Qualität, Standard für die Allgemeinheit sein zu können, bzw. zu müssen; was auch immer „die Allgemeinheit“ sein soll. Ich teile meinen Lebensstil, oder das, was man nach außen davon mitbekommen kann mit vielen anderen Landsleuten, aber das macht diesen weder besser, noch schlechter, als irgendeinen anderen.

Was nun die Frage nach meiner Spießigkeit angeht: ich möchte bestimmte Werte und Normen auch geschützt sehen; zum Beispiel Demokratie, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit (zumindest das gleichwohl geringe Maß, welches gegenwärtig zu realisieren wir im Stande sind), und noch einiges mehr. Ich würde mich freuen, wenn unser Staatswesen auch fürderhin die Rahmenbedingungen böte, in denen ich mit meiner Arbeit einen substantiellen Beitrag zum Unterhalt meiner Familie erbringen kann. Und ich fände es schön, wenn wir endlich zu mehr Nachhaltigkeit und ökologischer Orientierung beim wirtschaften kämen.

Ich habe jedoch KEINE Angst vor der Zukunft und ich denke, dass wir uns in mancherlei Hinsicht endlich vorwärts bewegen müssen (insbesondere bei der Energiewende, der Stadtplanung und der individuellen Mobilität); und dabei gleich noch die Macht der Lobbyisten brechen. Das ist der Schlüssel dazu, die endlose Gewaltspirale beim geopolitischen Kampf-Schach zu brechen, das es in den meisten Fällen nur gibt, weil Interessengruppen aus Habgier Einfluss auf die Politik nehmen können. Ich bin also eher ein Halb-Spießer. Ich hoffe, dass ist für euch ein Anfang. Vielleicht schaffe ich es ja noch, mich ganz zu entspießern, bevor ich erwachsen werde. Bin ja erst 43…

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